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EU gefährdet chemische Forschung
Im "Jahr der Chemie" kämpfen Wissenschaftler gegen neue Vorschriften aus Brüssel

Die Welt vom 08.01.2003

Berlin - 2003 ist das Jahr der Chemie. Die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie den deutschen Chemieorganisationen hat eigentlich das Ziel, den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern. Doch die schwierige Materie, die sich mit dem Aufbau und der Umwandlung von Stoffen beschäftigt und auf der eine der erfolgreichsten Industriezweige in unserem Land basiert, ist in schweres Fahrwasser geraten: "Die neue Stoff- und Chemikalienpolitik der EU wird gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft in Deutschland haben. Je nach Ausgestaltung der Verordnungen droht der Verlust von bis zu 2,35 Millionen Arbeitsplätzen", besagt eine Studie, die der Bundesverband der Deutschen Industrie in Berlin (BDI) von der Unternehmensberatung Arthur D. Little erarbeiten ließ.
Schon seit Februar 2001 beunruhigt das Chemie-Weißbuch, das die schwedische Umweltkommissarin Margot Wallström vorgelegt hat, die europäischen Chemieunternehmen, allen voran die deutschen, die mit 133 Milliarden Euro - das sind 26 Prozent des EU-Umsatzes - besonders hart von den angestrebten Veränderungen betroffen sein könnte.
Die ursprüngliche Zielsetzung des Weißbuches ist unumstritten und wird auch von der deutschen Chemie voll mitgetragen: So zielt es darauf ab, die Sicherheit von Mensch und Umwelt zu erhöhen und das derzeitige Chemikalienrecht einfacher und einheitlicher zu gestalten. Kernpunkt ist ein neues System, mit dem rund 30 000 Stoffe bewertet werden sollen, die dabei je nach Tonnage und Eigenschaften einen Registrierungs-, Evaluierungs- und Zulassungsprozess (abgekürzt "Reach" für Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals) durchlaufen.
Doch hier scheiden sich die Geister, denn die Beurteilung der Stoffe soll ausschließlich nach Ihren Eigenschaften erfolgen. Es wird weder ihr Nutzen berücksichtigt, noch ob durch entsprechende Maßnahmen ein sicherer Umgang gewährleistet ist. Dieser pauschale Ansatz ohne Betrachtung der Exposition und Verwendung binde unnötig Ressourcen und verursache hohe Kosten, kritisieren Firmen und Verbände. Sie lehnen zudem die vorgesehene Registrierung von internen Zwischenprodukten ebenso ab wie für Stoffe, die ausschließlich in Forschung und Entwicklung verwendet werden.
Inzwischen schwant immer mehr Industriezweigen, dass die Gesetzgebung aus Brüssel keineswegs nur ein Problem für die Chemie werden könnte. "Unsere Forschung ist unverzichtbarer Impulsgeber für Innovationen quer durch alle Branchen", bekräftigt Stefan Marcinowski, Vorstand der BASF in Ludwigshafen. "Wird das Weißbuch nach dem derzeitigen Stand umgesetzt, werden Innovationen bei uns teurer und benötigen mehr Zeit, mit der Konsequenz, dass sie in Zukunft eher in den USA und in Asien stattfinden."
Schon seit der Novelle des Chemikaliengesetzes vor 20 Jahren ist die Zulassung neuer Stoffe stark rückläufig, so hat Deutschland nur noch 160 Anmeldungen pro Jahr aufzuweisen, die USA dagegen über 400. "Dieser Trend könnte sich nun noch verstärken", argumentiert Marcinowski. "Die geplante Stoffpolitik der Europäischen Union ist für die Elektroindustrie ein durch nichts zu kompensierendes Innovationshindernis", betont auch Wolfgang Bloch, der bei der Infineon AG in München für den Umweltschutz zuständig. "Wenn die Zulassung eines neuen Fotolackes für die Chipherstellung nun sechs Monate dauert, hinken die europäischen Halbleiterhersteller etwa eine Produktgeneration hinter dem Weltmarkt hinterher."
Nach dem derzeitigen Stand der Überlegungen in Brüssel sollen Stoffe, deren gesamte Produktionsmenge über einer Tonne pro Jahr liegt, voll registriert werden. "Wenn diese Prozedur Kosten in Höhe von 100 000 Euro verursacht und auf die eine Tonne umgelegt werden muss, bedeutet dies das Aus für viele Innovationen, die sich gerade erst auf den Märkten etablieren", klagt Marcinowski.

Eine Umfrage des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) mit Sitz in Frankfurt am Main zeichnet ein noch düsteres Bild. Demnach sei davon auszugehen, dass 20 bis 40 Prozent der Chemikalien, deren Herstellung sich auf weniger als 100 Tonnen pro Jahr summiert, auf Grund der hohen Registrierungskosten unrentabel werden und vom Markt verschwinden. "Die Auswirkungen des Weißbuches auf die rund 1750 mittelständischen Unternehmen der Chemie sind dramatisch, weil im Extremfall bis zu zwei Drittel ihrer Produkte unwirtschaftlich werden", betont Jochen Rudolph, bei der Degussa AG in Düsseldorf für Umwelt und Sicherheit verantwortlich.
Zunehmend setzt sich überdies die Erkenntnis durch, dass das Weißbuch auch substanzielle Folgen für Hochschulen und Institute haben wird. "Wir hatten einen klassischen Erfolgspfad zwischen Grundlagenforschung an den Universitäten, der angewandten Forschung in den Unternehmen und den resultierenden Produktinnovationen. Die großen Errungenschaften der Chemie in Deutschland - wie zum Beispiel die Haber-Bosch-Synthese zur Ammoniakherstellung - waren immer Tandementwicklungen von Industrie und Hochschule, all das ist jetzt in Gefahr", kritisiert Marcinowski, der bei der BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt, für die Forschung zuständig ist.
Auch Professor Ferdi Schüth, Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr und frischgekürter Leibniz-Preisträger, hat zusammen mit Hochschulkollegen seine Bedenken formuliert: "Eine konkurrenzfähige chemische Industrie ist Voraussetzung für eine innovative Forschungslandschaft. Wenn die Produktion an Standorte mit günstigeren Rahmenbedingungen abwandert, folgt bald die produktnahe Forschung und danach auch die explorative Forschung. Damit gehen die industriellen Ansprechpartner verloren und die Einstellungschancen unserer Absolventen verschlechtern sich."
Die Folgen sind absehbar: Die Zahl der Chemiestudenten, die sich gerade erst erholt hatte, geht zurück, qualifizierte Nachwuchswissenschaftler wandern ab. "Das Weißbuch ist eine ernsthafte Bedrohung für die Forschung", fasst Professor Frangois Diederich, Vorsteher des Departements Chemie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, kurz und prägnant zusammen.
Stellt sich die Frage, warum in Europa das Rad neu erfunden werden musste. Immerhin gibt es auch in den USA ein sehr gut funktionierendes Zulassungs- und Überwachungssystem. "Bei diesem Verfahren steht die Risikoeinschätzung an erster Stelle, was wir auch für Europa begrüßen würden. Zudem ist es entschieden einfacher und unbürokratischer als die EU-Vorschläge", urteilt Professor Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) in Frankfurt am Main.
Der aktuelle "Faktenbericht Forschung 2002" des BMBF zeigt, dass in Deutschland nahezu 20 Prozent aller industriellen Ausgaben für Forschung und Entwicklung von der chemischen Industrie getragen werden. Der VCI gibt eine Gesamtsumme von 7,3 Milliarden Euro für derartige Aufwendungen an. Wenn das so bleiben soll, müsste das Weißbuch deutlich nachgebessert werden. So fordern es auch die Bundesregierung, der VCI und auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) in einem gemeinsamen Positionspapier.
Marcinowski hat die Hoffnung ebenfalls noch nicht aufgegeben: "Wir kämpfen mit großem Engagement darum, dass das Weißbuch nicht eins zu eins umgesetzt wird. Das sind wir der Zukunft unserer Wissenschaft und Wirtschaft schuldig."

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